Pumpwerk und Autostazione
BDA-Nachwuchs-Preise in Berlin
Trotz der außerordentlichen Projekte, die am vergangenen Freitag im Bethanien in Berlin mit dem Nachwuchspreis des BDA Berlin beziehungsweise mit zwei Auszeichnungen prämiert wurden – so richtig glücklich war die Jury nicht. Zum diesjährigen Hans-Schaefers-Preis waren nur 16 Arbeiten eingereicht worden, für die Daniel-Gössler-Belobigung – den entsprechenden Architekturtheorie-Preis – nur eine einzige, und deren Einreicher war auch noch ein paar Monate zu alt, weshalb dieser Preis nun gar nicht vergeben wurde.
Die Jury, allen voran deren Vorsitzende Angelika Schnell (Wien), warb in ihrer Festrede daher eindringlich um den Nachwuchs. Zudem wurden die Auswahlkriterien gelockert: In Zukunft sollen auch Kooperationen zwischen „Senior-Partnern“ – also über 40-Jährigen – und jungen Architekten preisfähig sein. Ein Büro war sogar bereits dabei, das in solch einer Konstellation arbeitet: Johannes Löbbert und Johan Kramer von Glass Kramer Löbbert Architekten (Berlin) wurden für das MRT-Forschungsgebäude in Berlin-Buch mit einer Auszeichnung gewürdigt. Eine weitere Auszeichnung ging an Tim Bauerfeind und Henning von Wedemeyer von UT Architects (Berlin) für die Ausbildungswerkstätten RZB E.V. (siehe BauNetz-Meldung vom Januar 2010).
Die beiden gleichwertigen Preisträger sind in diesem Jahr die Architektin Anne Boissel mit ihrem Projekt „Autostazione Zepperi" im italienischen Olevano Romano sowie Nils Wenk und Jan Wiese mit dem Umbau eines Pumpwerkes in Berlin-Neukölln zum Wohn-, Atelier- und Galeriehaus.
„Das Preisgericht überzeugte der engagierte Umgang Boissels mit einem verlassenen Busbahnhof aus den 50er Jahren, dessen historischer und kultureller Wert in Verbindung mit einer neuen Nutzung für die Bewohner verdeutlicht wurde. Anne Boissel setzt auf einfache Gestaltungsmittel. Mit Lichteffekten, reflektierenden Materialien aus dem Straßenbau sowie wenigen baulichen Maßnahmen rückt sie das Gebäude wieder in den Blickpunkt.“
Am umgebauten Punpwerk Neukölln überzeugte die Jury, dass die Architekten „mit wenigen gezielten aber beherzten Eingriffen den denkmalgeschützten Industriebau von 1925/26 in ein Atelierhaus mit Künstlerateliers, einer Wohnung sowie einer Galerie umwandelten. Vorhandene Elemente wie die Krananlagen wurden dabei erhalten, in die neuen Nutzungen integriert und in ein Gestaltungskonzept eingebunden, das seine Wirkung aus der Reduktion auf wenige Elemente sowie homogene Flächen erzielt.“
Beide werden dafür ausgezeichnet, dass sie eine „besonders engagierte und präzise Haltung gegenüber dem Bestand einnehmen, dessen Wert und Brauchbarkeit sie anerkennen, ohne diesem zu huldigen. Beide vermeiden den Terminus ‚Bauen im Bestand‘, genauso wie das Attribut ‚historisch‘. Der jeweilige Eingriff bzw. Umbau erfolgt ganz und gar als Antwort auf gegenwärtige Notwendigkeiten des Gebrauchs, der Finanzierung und auch der Ästhetik. Besonders überzeugte die Jury, dass beide Verfasser ihre Intelligenz und Sorgfalt auf die Herausarbeitung der Komplexität des Themas aufgewendet haben“ (Jury).
Eine Ausstellung aller eingereichten Arbeiten ist noch bis zum 22. Dezember 2010 in der BDA-Galerie, Mommsenstr. 64, 10629 Berlin, zu sehen. Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do 10-15 Uhr und nach Absprache.
Ich bin gerne bereit für eine Vertiefung dieses Themas, wie es Florian angesprochen hat, allerdings außerhalb dieser Plattform, die dafür wenig geeignet scheint. Vielleicht kann die Baunetz-Redaktion meine e-Mail-Adresse an Florian und ggfs. an weitere Interessierte weitergeben - ich lege sie diesem Kommentar bei. Florian, vielleicht kannst Du Dich in dieser Sache ebenfalls bei der Baunetz-Redaktion melden.
Vielen Dank, Frank. Genau so ist es. Du hast für meine Gedanken die treffendsten Worte gefunden.
Die deutsche Vorgehensweise, den Architekten-Nachwuchs (nicht) zu fördern, endet darin, dass
a) wie gesagt fähige Köpfe ins Ausland abwandern
b) junge Architekten gezwungen sind, für schlechtes Geld in größeren und großen, etablierten Büros zu arbeiten, aus denen sie, je länger sie dort arbeiten, immer schwerer herauskommen (sie haben ja keine eigenen Referenzen, und irgendwann sind sie zu alt, um bei den Wettbewerben noch als "jung" oder "Nachwuchs" durchzugehen). Diese "Jungen" können es dann vergessen, später am Wettbewerbswesen teilzunehmen.
Wer also seine Auftraggeber nicht gerade in der Verwandt- und Bekanntschaft rekrutiert (neudeutsch: Networking), der schaut in die Röhre, und ist er noch so talentiert und fähig...
Und gleichzeitig wickeln jahrzentealte, behördenartige, dreibuchstabige Planungsfabriken a la GMP, HPP, HWP und wie sie alle heißen einen uninspirierten Wettbewerb nach dem anderen ab, belasten unsere Umwelt mit gebauter Langeweile und werden immer wieder zu neuen Teilnahmen zugelassen.
GRW, RPW und Co. bzw. deren Auslegung und Anwendung leisten ihren vernichtenden Beitrag zur Auslöschung eines guten Stückes Baukultur, obwohl sie eigentlich für das Gegenteil gedacht sind.
Leute, eigentlich ist das alles nicht weniger als ein Skandal.
Die Kammer habe ich als selbstständiger Berufsanfänger bisher als wenig hilfreich empfunden- im Gegenteil, eher als verkrustetes System permanenter Gängelei. Das fängt bei unsinnigen Aufnahmekriterien wie dem Nachweis einer existierenden Berufshaftpflicht (die zur Aufnahme nicht projektbezogen abgeschlossen werden darf- also hohe Versicherungskosten auch ohne konkrete Bauaufgabe!) und hört bei den vollkommen irrsinnigen Referenzanforderungen für Wettbewerbe auf.
Die Wut ob dieser Hilflosigkeit gegenüber diesem System der Abschottung ist groß, doch die Frage ist, was wir konkret gegen diesen Zustand unternehmen können- wie verschaffen wir uns Gehör? Wie bekommen wir eine Lobby? Petitionen? Offene Briefe? Plattformen schaffen? Anyone?
Wir sind viele!
Der Grund ist ganz einfach - es gibt sie nicht. Dafür haben die Kammern durch Wettbewerbszulassungsbeschränkungen, private und öffentliche Bauherrn gesorgt.
Nachwuchs erscheint den Senioren als billiges, unerschöpfliches Arbeitsreservoir. Der junge, selbstständige, erfolgreiche Architekt ist wohl ihr größter Alptraum. Konkurrenz das schlimmste, vorstellbare Übel. Daher ist man sich schnell einig, wie der Berufstand gesichert werden muss - man grenzt die Jungen systematisch aus.
In allen anderen Bereichen ist das genau umgekehr, da wird gefördert, gehipt, da wird an der Zukuft gearbeitet.
Ganz anders geht das Ausland mit dem Thema um. Dort wird der Nachwuchs noch als Bereicherung empfunden wird. Wenn sich dann die Architekturpflänzchen unter dem angenehmen Klima gut entwickelt haben, kann man sie später risikoarm importieren und alle wichtigen Gebäude bauen lassen (Reichstag, Allianz Arena, Elb Philharmonie, Neues Museum...) .
Wo nichts wächst, da kann nichts werden.