Das ICC ist keine Spinnerei
Berliner Senat beschließt Vergabeempfehlung
„Dauert noch ein bisschen – aber wird mega“, prangt nicht nur seit einiger Zeit auf Berlins leer stehendem Raumschiff an der A100, dem ICC. Mit diesem Slogan eröffnete Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) auch die heutige Pressekonferenz, bei der die vom Senat beschlossene Vergabeempfehlung für die künftige Nutzung des ehemaligen Kongresszentrums präsentiert wurde. Berlin will daraus einen „international einzigartigen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft“ machen lassen. Die damit betraute Projektpartnerschaft, die als einzige Bewerberin in dem 2024 gestarteten Konzeptverfahren verblieben war, stellte sich heute erstmals offiziell vor.
Zu ihr gehören der Immobilienentwickler MIB, Max Dudler, Graft (beide hatten schon im Interessenbekundungsverfahren der BIM 2019 teilgenommen), schneider+schumacher, Hochtief, Arup, ICCA Projektgruppe/Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, KVL Projektmanagement Berlin und der Kreativ-Projektentwickler Coloured Fields. Federführend als Bauherrschaft ist die Senatswirtschaftsverwaltung, operativ begleitet wird das Verfahren von der BIM.
Dass nur eine Bewerbung die Kriterien des Vergabeverfahrens erfüllen würde, war schon vergangenes Jahr publik geworden. Das Interesse am europaweit ausgelobten Teilnahmewettbewerb sei zwar hoch gewesen, so BIM-Geschäftsführerin Birgit Möhring. Nach den in diesem ersten Durchgang eingereichten Vorschlägen habe man allerdings festgestellt, dass die Anforderungen erhöht werden müssten. Entsprechend verlängerte man das Verfahren und verschärfte unter anderem die Eignungskriterien der Beteiligten, um sicherzustellen, dass diese das Projekt finanziell stemmen können.
Gewissermaßen hat man die Anforderungen derart hochgeschraubt, dass nur noch eine Wahl blieb. Diese traf eine 14-köpfige Jury. Das „ausgewählte“ Team hatte dann bis vor Kurzem Zeit, ein Nutzungskonzept zu erarbeiten. Dessen Inhalte sowie die Verkündung der Verfasser*innen wollte man bis heute geheim halten – allerdings sickerten schon vor einigen Tagen Infos zur Berliner Morgenpost durch.
Aus diesem Grund schaute Berlin in den vergangenen Tagen nach Leipzig. Dort befindet sich eine der zentralen Referenzen, die Bertram Schultze von Coloured Fields auch heute auf der Pressekonferenz anführte. MIB entwickelt dort gemeinsam mit Coloured Fields seit 2000 die stillgelegten Industriebauten der einstigen Baumwollspinnerei zum erfolgreichen Kunst- und Gewerbestandort. Bemerkenswert ist etwa, dass das Immobilienunternehmen die Liegenschaften langfristig im Bestand hält. Das 1979 eröffnete Gesamtkunstwerk von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte stellt freilich eine gänzlich andere Herausforderung als die leeren Hallen in Leipzig dar. Das betonte nicht zuletzt Thomas Oberender, der 2021 das Kunstfestival „The Sun Machine is Coming down“ im ICC kuratierte und damit dessen phänomenales Inneres zum ersten Mal seit Jahren wieder bespielte.
Das Projekt Quartier ICC umfasst drei Abschnitte, die in drei „miteinander verklammerten“ Erbbaurechtsverträgen über 99 Jahre vergeben werden sollen. Dazu gehören zwei neue Hochpunkte neben dem seit 2019 denkmalgeschützten Gebäude. Anstelle des alten Parkhauses soll ein Kongresshotel (das vor allem der benachbarten Messe dient) entstehen. Der Baukörper (M11), offensichtlich von der Handschrift Grafts gezeichnet, schließt direkt an das ICC an, überragt dieses und soll auch wieder ein Parkhaus integrieren. Zudem werde damit ein neuer Haupteingang auf der Südseite geschaffen.
Auf diese Weise soll die Passage im Erdgeschoss des Bestands als öffentliche Achse gestärkt werden. Auf der nördlichen Seite greife man Planungen von Schüler und Schüler-Witte auf, die hier bereits ein Hochhaus vorsahen. Die Projektgemeinschaft plant auf dem bisherigen Parkplatz am Messedamm einen Turm für Wohnungen, Büros, Gewerbe und ein weiteres Hotel anzusiedeln (M9). Beide Hochhäuser beziffern die Beteiligten mit 150 bis 200 Millionen Euro. Künftig könnten sie den Betrieb des Gesamtensembles querfinanzieren.
Noch recht undefiniert wirken aktuell die Konzepte für das ICC selbst. Die Verantwortlichen präsentieren eine Reihe an Nutzungen, die einziehen könnten. Museen, Rockkonzerte, Fashion-Week, die Landesbibliothek. Prominent sind die Überlegungen, hier ein Ausweichquartier für die Berliner Philharmoniker zu schaffen, deren Stammhaus ab 2032 saniert werden soll. Sie könnten im ikonischen Saal 1 Platz finden, so die Projektbeteiligten. Während dessen denkmalgeschützte Gestaltung weitestgehend erhalten bleiben soll, wollen sie Saal 2 komplett zurückbauen – inklusive der an Ketten auf und ab fahrbaren Tribüne. Wie viel das kostet, ist völlig offen, auch weil die Bestandsaufnahme noch längst nicht abgeschlossen ist. Beispielsweise müsse aber die komplette Haustechnik ausgetauscht werden. Zudem ist ein vielfältiges Programm geplant: Gastronomie, Bars, Clubs, Ateliers, Studios und Galerien. Klar sei, so Franziska Giffey: Das alles gehe nur mit potenten Mietern. Denn Haushaltsmittel sind keine vorgesehen.
Der heute getätigte „Meilenstein“ mündet noch nicht in einen verbindlichen Zuschlag. Über diesen soll das Abgeordnetenhaus erst 2028 entscheiden. Vorerst wollen Senat und Konsortium bis September eine Exklusivitätsvereinbarung schließen. Daraufhin bleiben in der anschließenden Anhandgabephase zwei Jahre Zeit, um offene Fragen zu klären. In erster Linie „die Konkretisierung eines schlüssigen und verbindlichen Finanzierungskonzeptes“. Dazu zählt nicht nur das Investitionskapital, sondern auch eine langfristig wirtschaftliche Tragfähigkeit. Insbesondere hohe Betriebskosten und teure Sanierungsrückstände waren ja die Gründe, warum die Messe Berlin das eigentlich gut funktionierende und ausgelastete Kongresszentrum 2014 geschlossen hatte.
Ab jetzt könne man auch mit potenziellen Mietern sprechen, womit sich die Finanzierung präzisieren ließe, erklärte Giffey. Ihr Wunsch ist es, 2029 Bagger rollen zu sehen. 2032 könnte man eventuell eröffnen, was allerdings weitaus mehr als mega ambitioniert sein dürfte. (mh)
Apropos Spinnerei: Wenn in zwei Jahren doch nichts aus der Vergabe werden sollte, könnte vielleicht unser Aprilscherz von 2022 wieder Relevanz bekommen.





Wer daran glaubt ist selber schuld. Erst macht man ein städtebaulichen Vertrag mit der Stadt, dann verkauft man die Gesellschaft oder sie geht leider pleite und städtebauliche Vertrag ist damit nichtig.
Die beiden Hochäuser bzw. die Gesellschaften werden danach gewinnbringend verkauft und die Stadt bleibt auf der Finazierung bzw. den Bestand sitzen, der dann leider nach 5 Jahren geschlossen werden muss, da keine Geld mehr da ist.
So macht man als Entwickler Geld ;)
Hat ja keiner vorher ahnen können.
Die Bemühungen der Beteiligten um Ernsthaftigkeit schaffen es leider nicht bis aufs Bild: Symptomatisch für den Zustand der Architekturproduktion sind die Micky-Maus-Bilder, die man von allen möglichen Projekten so kennt. Hier also fahren die Geisterautos innig verklammert und/oder viel zu dicht, auch Geisterfahrer sind dabei. All hail AI… Es ist leider so traurig, dass die Bildproduktion eine Echtheit vorgibt, die behauptete Realität jedoch nie mit der tatsächlichen Welt übereinstimmt. Die architektonische Bildproduktion kann immer nur versuchen, der Realität nahezukommen, sie wird sie nie erreichen. Aber wenigstens versuchen könnte sie es doch! Mutwillig die Realität über Bord zu kippen war hier aber sicherlich nicht das Ziel, so viel subversive Kritik wäre ja Punk!
Ja, die Bilder sollen nur illustrierend sein, im Sinne des Vorhabens und der Zielgruppe kommunizieren. Jedoch ist die Realität dieses Teils der autogerechten Moderne ist so viel banaler und leerer als hier gezeigt. Schade, dass im Zuge der Architekturvermittlung immer der Zuckerguss über die Bilder gekippt werden muss.
darüber, an Text „beteiligt“ zu sein!?
Gebautem hingegen ist man latent
ausgesetzt und somit stets Rezipient.
Ich nehme mir daher wohl weiter heraus,
zu kritisieren manches Haus,
wie es mir passt
und passend erscheint.
Und wer dann Metrik und Reim beweint,
der sei, bei diesem Ärgernis,
sich meines Mitgefühls gewiss:
Es wird mir steter Ansporn sein,
wo immer ist ein Reim nicht rein,
mich bei meinem Dilettieren
maximal zu engagieren!
Doch wem das dann noch nicht genug,
der strafe mich mit Punktabzug…
oder schließe, frei heraus,
was missfällt, von Lektüre aus!