Kreisrund am Kreisverkehr
Berufsschule in Sigmaringen von LRO
Am nördlichen Stadtrand von Sigmaringen genießt man einen herrlichen Blick über die ehemalige Residenzstadt der Hohenzollern, die sich um das prächtige Residenzschloss im Tal an beiden Donau-Ufern ausbreitet. Hier, wo mit der Hohenzollern- und der Nollhofstraße zwei wichtige Landstraßen in einem Kreisverkehr aufeinander treffen, ist im Auftrag des Landkreises Sigmaringen ein großer Neubau für eine Berufsschule entstanden. Den Entwurf für die nach der Automobil-Pionierin Bertha Benz benannte Schule entwickelten LRO (Stuttgart). Als Generalübernehmer fungierte das Bauunternehmen Georg Reisch, das auch den technischen Betrieb für 25 Jahre übernimmt.
Auf dem etwa dreieckigen Grundstück zwischen Sandbühlstadion und Kreiskrankenhaus schafften LRO eine neue Ordnung, indem sie einen 160 Meter langen Riegel in den Hang schoben, aus dem ein teils drei-, teils viergeschossiger Rundbau mit fast 90 Metern Durchmesser nach Süden hervortritt. Dessen Erdgeschoss ist hinter eine Reihe von Rundstützen aus Beton zurückgesetzt, was die Kreisform noch betont. Ein imposanter, offener Freitreppengang mit Blick Richtung Stadt führt unter dem Volumen hindurch aus dem Innenhof der Rotunde den Hang hinunter. In der Praxis dürfte die Schule jedoch hauptsächlich über den Eingang im nördlichen Riegelbau betreten werden, hinter dem ein Parkplatz angelegt wurde.
Der ringförmige Baukörper bietet nicht nur eine klare, wiedererkennbare Kubatur, die es mit der Großform des gegenüberliegenden Kreiskrankenhauses locker aufnehmen kann – er schützt auch vor Straßenlärm. Der Hof im Inneren ist Vorplatz der Aula, Veranstaltungsfläche, zentraler Treffpunkt und möglicher Festplatz zugleich. Die Stahlskulptur stammt vom Bildhauer Robert Schad, die blau-weiße Farbgestaltung der Deckenuntersicht von Michael Luther. Überdies lässt sich der Musik- und Rhythmikraum neben dem Haupteingang zum Hof öffnen, sodass er als Bühnenraum für Veranstaltungen und Vorführungen genutzt werden kann.
Im Ringbau haben LRO die Unterrichtsräume der gewerblichen, ernährungs- und sozialwissenschaftlichen Schule untergebracht. Hinzu kommen alle notwendigen Neben- und Verwaltungsräume. Im Riegelgebäude dahinter liegen vor allem die Werkstätten der verschiedenen Fachbereiche. Begrünte Lichthöfe sorgen für Luftigkeit, die besonders tiefen Werkstätten haben zudem Dachoberlichter oder Oberlichtbänder.
Beide Baukörper sind durch eine helle, naturfarbene Holzfassade mit weißen Akzenten charakterisiert. Die einzeln herausfahrbaren Sonnenschutzmarkisen zeigen sich weiß-blau gestreift, was „die Leichtigkeit und Heiterkeit des Ensembles“ unterstreichen soll, so hoffen die Architekt*innen. Ebenso betonen sie die Nachhaltigkeit: Trotz eines gewaltigen Programms käme der Bau mit relativ wenig Flächenversiegelung aus, die Dachflächen werden für Begrünung und Photovoltaik genutzt. Massive Betonelemente dienen als Speichermasse. Neben den effizient eingesetzten, langlebigen Betonfertigteilen kamen vor allem nachwachsende Rohstoffe wie Holz für die Fenster, Parkettböden, Sitzbänke und Türen zum Einsatz. Insgesamt erhielt das Projekt eine DGNB-Zertifizierung in Platin. (fh)
Fotos: Roland Halbe
[Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Angaben zu Bertha Benz korrigiert. Außerdem haben wir Informationen zu Auftraggeber, Generalübernehmer und den beteiligten Künstlern ergänzt.]
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- LRO Lederer Ragnarsdottir Oei
- Team LRO:
- Marc Oei, Katja Pütter, Kalus Hildenbrand, Heiko Müller, Sophie Röcker (Projektleitung), Margherita Adamo, Philipp Arévalos, Beatrice Pilgrim, Linda Wagner
- Generalübernehmer:
- Georg Reisch, Patrick Miller (Projektleitung)
- Tragwerksplanung:
- Bauer+Partner
- Landschaftsplanung:
- Kovacic Ingenieure
- Bauherrschaft:
- Landkreis Sigmaringen
- Fläche:
- 24.000 m² BGF
Die Großform Kreis am Kreisverkehr? Hier steckt der Hase schon im Pfeffer. Die beiden Riegel gehören an die Straße und der Ring Richtung Natur. Zwischen den beiden Riegeln hätte man dann ja in den Ring iwie eintauchen können... Jedes Gebäude will eine Vorne und ein Hinten haben. Und da wo vorne ist, ist auch der Eingang. Haben Sie sich wirklich mal Klostergrundrisse angeschaut?
Es gibt auch noch zwei weitere Eintrittspunkte, an denen wahrscheinlich Hinweisschilder angebracht sind. Also: erst einmal genau hinschauen! Es gibt also einen "Haupteingang" mit Treppe und Fahnen (ist auf den BN-Fotos aber nicht zu sehen) ABER! der führt halt nicht in ein Foyer, sondern in den offenen Innenhofverteiler. Ist doch schon eine intelligente Erschließung.... oder?
Wenn das Würdevolle der Gestaltung aus Furcht vor zu arger Bildhaftigkeit zurückgenommen wird zugunsten einer solitären Großform, dann ist schon der erste Schritt zur allzu weihevollen Beschwörung getan. Eine Gratwanderung, die das Büro vielleicht auch als experimentellen Pendelschlag seines Oeuvre reflektieren sollte.
wie, "keinen Haupteingang ... haben"? Genau darüber steht doch dick "Bertha-Benz-Schule" Ist dieser Hinweis, diese Überschrift, nur für Postboten und Taxifahrer? Apropos, bedeutende Klostergrundrisse: Schauen Sie sich die mal genau an. Die sind alle so herrlich asymmetrisch und leben von dieser davon ausgehenden Spannung. Meine bescheidene Meinung.
Der Grundriss ist richtig gut! Anstatt ein Portal zu kreieren, führen mehrere Wege zur Mitte. Man muss das nur mal etwas genauer studieren. Dann ergibt nämlich auch der kreisrunde Hof viel mehr Sinn. Das ist so wie in einem Kloster, wo ja der innere Verteiler wichtiger ist als der Eingang. Schick und subtil. Bei den Details und der Formensprache vermisse ich ein bisschen das alte LRO. (ander als "auch ein", der ja einen unversöhnlichen Zorn auf Arno Lderer (RIP) zu haben scheint)