Buchtipp: Malerische Oberflächen
Farbkultur in Appenzell Innerrhoden
Wer schon mal durch das Appenzellerland gereist ist, wird die farbigen Häuser in der Wiesen- und Berglandschaft der Schweizer Alpenregion nie vergessen. Wie Modellhäuschen sind die Bauernhäuser über die Hügel verteilt. Der Stalltrakt ist meistens gelb gehalten, die Holztore leuchten in Rot. Farben sind ein fester Teil der kulturellen Identität in der Region Appenzell, egal ob auf dem Land oder in den Dorfzentren.
Sagen und Analysen
Der Sage nach gefielen die kleinen Appenzeller Häuser dem Riesen Säntis, nach dem auch der Berg benannt ist, so gut, dass er sie in einen Sack steckte, um sie nach Hause zu bringen. Durch ein Loch seien die Häuser, so die Legende, unbemerkt herausgefallen und deshalb überall auf den Wiesen und Hügeln verteilt.
In ihrer bei Scheidegger & Spiess erschienenen Studie Farbkultur in Appenzell Innerrhoden vergleicht Fabienne Suter Sogo die Bauernhäuser dieser ländlichen Streusiedlungen mit der farbigen Architektur im Dorf. In ihrem Buch, das vom Haus der Farbe in Zürich herausgegeben wurde, deckt sie Hintergründe, Traditionen und Muster der Farbkultur auf, analysiert die letzten erhaltenen Beispiele fragiler Fassadenbemalung aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und hält sie fotografisch fest.
Ölfarbe und Acryl
Als äußerste Fassadenschicht ist Farbe der Witterung ausgesetzt und daher von kurzer Lebensdauer. Beim regelmäßigen Neuanstrich wurde traditionelle Ölfarbe im Appenzell häufig durch Acrylfarbe ersetzt, wodurch ursprüngliche Farbkompositionen zunehmend verloren gingen. Meist bestimmten die Maler vor Ort die Farben ad hoc, ohne Farbgeschichte, Nuancen und architektonischen Kontext zu berücksichtigen. Im 19. Jahrhundert lösten synthetische Mineralfarben die herkömmlichen Pigmente ab. Neue leuchtende Töne wie Chromoxidgrün und das vollflächige Bemalen größerer Fassaden setzten sich durch – begünstigt durch die Bezahlbarkeit der neuen Farben.
Vertäfelte Fassaden und Capriccio
Fensterläden mit Trompe-l’Œil-Bemalung, vertäfelte Fassaden mit dekorativen Elementen wie Rosetten oder Friesen: In der Biedermeierzeit des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in den Dörfern des Appenzellerlandes eine besondere Art der farbigen Verzierung. Heute werden die Häuser in Zyklen von 15 bis 20 Jahren regelmäßig neu überstrichen. Feine Farbakkorde gehen dabei verloren – genau wie auch in den Streusiedlungen.
Suter Sogo gliedert ihre Analyse nach historischen Dekaden und zeichnet Farbklänge und -kompositionen von 1880 bis heute nach. Dabei bezieht sie Quellen wie die historischen Beispiele der Senntumsmalerei des frühen 19. Jahrhunderts mit ein, deckt die Farbnuancen von aufgemalten Drillingsfenstern in Giebelfeldern auf, analysiert historische Postkarten und aktuelle Straßenansichten. Heute vereinen die Dörfer des Appenzells verschiedene Farb- und Modetrends – im besten Fall ein Farbflimmern wie ein Capriccio, das in seiner Gesamtheit erfasst wird und Ausdruck einer kulturellen Entwicklung ist.
Wie geht es weiter mit der schönen Farbtradition im Appenzellerland? Fabienne Suter Sogo hat ihr Resümee in Form von Leitlinien für die Zukunft gezogen. Sie zielen darauf ab, die Tradition der Farben mit Bedacht und Sorgfalt weiterzuentwickeln.
Farbkultur in Appenzell Innerrhoden. Die Farbigkeit von Appenzeller Häusern in der Streusiedlung und im Dorf
Fabienne Suter Sogo
Haus der Farbe (Hg.)
144 Seiten
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026
ISBN 978-3-03942-322-4
48 Euro
Dies ist die leicht überarbeitete Version eines Textes, der ursprünglich auf der von Sandra Hofmeister im letzten Jahr gestarteten Webseite castello books erschienen ist.



