Buchtipp: Eulen, Säulen, Palmen
Postmoderne Architektur in Wien
Der pinke Einband verspricht nicht zu viel: In Eulen, Säulen, Palmen. Postmoderne Architektur in Wien von Stefan Oláh und Sebastian Hackenschmidt wird man reichlich mit farbigen Fotografien belohnt, die Lust auf einen Besuch in der österreichischen Hauptstadt machen. Dabei geht es, wie Titel und Cover bereits andeuten, viel um Symbole, Farben, Ornamente, geometrische Formen und historische Zitate.
In 150 Aufnahmen – jede auf einer eigenen Seite präsentiert – dokumentiert Stefan Oláh 50 Bauten der Wiener Postmoderne. Architekturikonen wie das Haas-Haus, das Marriott Hotel und die Ringstraßen-Galerien sind mit dabei, ebenso wie weniger bekannte Beispiele. Gerade Letztere sollen überraschen – so wünschen es sich Kunsthistoriker Hackenschmidt und Fotograf Oláh.
Autor und Fotograf sind ein eingespieltes Team: Hackenschmidt und Oláh widmen sich schon seit einigen Jahren gemeinsam der spezifisch Wienerischen Architektur – von Tankstellen bis Würstelständen. Auch mit der Postmoderne haben sich beide bereits beschäftigt, etwa 2018 bei der MAK-Ausstellung „Post Otto Wagner. Von der Postsparkasse zur Postmoderne“.
In sechs Kapiteln verfolgt Hackenschmidt die Wiener Postmoderne von ihren Wurzeln in der Wiener Moderne über Hans Holleins Architektursemiotik und den Umgang mit der historischen Stadt bis zu Museen, Alltagsarchitektur und Wohnungsbau. Bild und Text, heißt es in der Einleitung, seien als sich gegenseitig ergänzende Essays konzipiert, die unterschiedliche Blicke auf die Postmoderne werfen; auf ein abschließendes Fazit und einen verbindlichen Kanon wird bewusst verzichtet.
Ausgangspunkt des Buches sei, wie Hackenschmidt in der Einleitung schreibt, eine „einigermaßen paradoxe These“: Unabhängig davon, was genau unter postmoderner Architektur zu verstehen ist, besitze sie in Wien eine besondere Qualität. Die Wiener Postmoderne greife nicht nur formal, sondern auch inhaltlich auf die lokalen Errungenschaften der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Otto Wagner, Josef Hoffmann, Adolf Loos, Jože Plečnik und Josef Frank seien seit den 1960er Jahren wiederentdeckt worden – ihre vielfältigen, teils gegensätzlichen Auffassungen wurden in jüngerer Architektur bewusst aufgegriffen.
Ganz neu ist dieser Gedanke freilich nicht, wie auch Hackenschmidt mit Verweis auf Heinrich Klotz’ Verständnis der Postmoderne als „Revision der Moderne“ einräumt. Auch Hermann Czech hatte bereits 1979 Kriterien postmoderner Architektur auf Bauten von Wagner, Loos und Frank bezogen. Zum alleinigen Kriterium für die Wiener Postmoderne und ihre architektonische Qualität will Hackenschmidt das geschichtsbewusste Anknüpfen auch nicht machen. Zu vielfältig sind ihre Erscheinungsformen. Genau diese Vielfalt bildet auch das Buch ab: von einzelnen Gebäuden und kleinen Geschäftslokalen über Museen und Innenräume bis hin zum Wohnungs- und Städtebau.
Eine zentrale Rolle spielt dabei natürlich Hollein, dem entsprechend viel Raum gewidmet wird. An seinen Bauten lässt sich besonders gut zeigen, wie Architektur zu einer Sprache aus Zeichen, historischen Zitaten, Dekor und Symbolen werden kann. Besonders augenfällig wird die Postmoderne dort, wo sie auf die historische Stadt trifft. Für solche Konfrontationen verwendet Hackenschmidt den Begriff „PoMo-Clasher“: Bauten, die sich deutlich von ihrer meist historisch geprägten Umgebung abheben und gleichzeitig auch auf sie Bezug nehmen. Wien bietet mit seinem stark historisch geprägten Stadtbild dafür reichlich Anschauungsmaterial.
Doch das Buch zeigt auch ihre „leiseren Seiten“: Architekten wie Hermann Czech, Luigi Blau, Otto Kapfinger oder Adolf Krischanitz stehen für eine zurückhaltendere Auseinandersetzung mit der Moderne – weniger spektakulär, stärker am Bestehenden orientiert und doch nicht weniger eigenständig. Deutlich wird diese Kontinuität auch im Wohnungsbau. Schon der Kapiteltitel „Das rosarote Wien“ spielt mit dem historischen „Roten Wien“ und dessen Tradition des kommunalen Wohnungsbaus. Postmoderne Wohnbauten knüpften an Wiener Traditionen an und entwickelten sie mit neuen Mitteln weiter – von den Höfen des Roten Wien über Loos’ Raumplan bis hin zu klassischen Elementen wie der Säule.
So schließt sich am Ende doch auch der Kreis zu Oláhs Fotografien. Sie machen nicht nur die markanten Einzelbauten, sondern gerade die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Wiener Postmoderne sichtbar. Im Zusammenspiel von Bild und Text erscheint sie weniger als klar abgrenzbarer Stil denn als vielgestaltige Auseinandersetzung mit der Moderne, der Geschichte und dem vorhandenen Wiener Stadtraum. Gerade diese Vielgestaltigkeit macht nicht zuletzt auch den Reiz des Buches aus.
Eulen, Säulen, Palmen. Postmoderne Architektur in Wien
Sebastian Hackenschmidt und Stefan Oláh
240 Seiten
Anton Pustet Verlag, Salzburg 2026
ISBN 978-3-7025-1207-1
32 Euro



