Neues Gesicht fürs alte Kulturzentrum
Theaterumbau in Wales von Haworth Tompkins
Das Theatr Clwyd ist ein Zeuge jener Zeit, als in Europa noch der Sozialstaat das Sagen hatte. Allerorten, insbesondere aber auch in weniger einkommensstarken Landstrichen wurde damals in den Ausbau von Bildung und Kultur investiert. So entstand dieses Theater auf einem grünen Hügel über der Kleinstadt Mold im äußersten Nordosten von Wales, nur 40 Kilometer von Liverpool entfernt. Entworfen wurde es vom Architekten der kommunalen Verwaltung, R.W. Harvey. Es umfasste ursprünglich auf über 10.000 Quadratmetern mehrere Veranstaltungssäle, eine Kunstgalerie und ein eigenes Fernsehstudio. Das Haus wurde am 21. Mai 1976 im Beisein von Königin Elizabeth II. eröffnet.
2017 wurden Haworth Tompkins (London) mit der umfassenden Sanierung und einem Umbau des Komplexes beauftragt. Neben der Erneuerung aller technischen Anlagen ging es auch um die Neuorganisation der Innenräume, um die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden und die Orientierung der Gäste zu verbessern.
Das „Herzstück“ der Umgestaltung, schreiben Haworth Tompkins, sei das neue, dreigeschossig verglaste Foyer, das sich nach Südwesten zur außergewöhnlichen ländlichen Umgebung öffnet. Auch der Parkplatz befindet sich hier. Das Foyer zeigt sich als freundlicher und heller Raum. Als solcher erleichtert er die Orientierung und nimmt die Theaterkasse, das Café und das Restaurant mit Bar auf; ein lebendiges Zentrum des Hauses mit hoher Aufenthaltsqualität.
Von diesem Foyer aus haben die Architekt*innen eine „interne Straße“ angelegt, die die öffentlichen Bereiche mit den Aufführungssälen und der Kunstgalerie verbindet. Neben drei unterschiedlich großen Theatern, einem Seminar- und Workshopraum sowie einem Kino gibt es weiterhin eine beachtliche Infrastruktur mit eigenen Probenräumen, Studios und Werkstätten. Durch einen Anbau an der Bühnenbildwerkstatt können jetzt sogar erstmals alle Produktionsteams gleichzeitig vor Ort arbeiten. Ein „Aussichtssteg“ gibt Besucher*innen die Gelegenheit für einen Blick auf diesen Bereich. Aufzüge, stufenfreie Wege und zusätzliche Rohllstuhlplätze sichern bewegungseingeschränkten Personen den Zugang zum Theater.
Der Umbau zielte darauf, mit Blick auf den CO2-Fußabdruck einen Großteil der bestehenden Struktur – Backstein im Außenraum, Beton im Inneren – zu erhalten. Die Ergänzungen erfolgten in Holz. Der Energiebedarf wurde durch zahlreiche Maßnahmen reduziert, wie etwa den Einsatz von Luftwärmepumpen, eine neue Photovoltaikanlage auf dem Dach und bauliche Verbesserungen zur passiven Wärme- und Kälteregulierung der Bauteile.
Die komplexe Sanierung ist im Oktober 2025 fertiggestellt worden, womit den großen Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen im Mai 2026 nichts mehr im Wege steht. (fh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Haworth Tompkins (Umbau), R.W. Harvey (ursprüngliches Gebäude von 1976)
- Landschaftsarchitektur:
- Studio Bristow
- Tragwerk:
- Betts Associates
- Gebäudetechnik:
- Skelly & Couch
- Theatertechnik und Akustik:
- Charcoalblue
- Public Art Commissioning:
- Studio Three Sixty
- Beteiligte Künstler*innen:
- Frances Priest (Bar-Kacheln), Manon Awst (Spiegelarbeit im Foyer), Sauda Imam (Vorhänge im Foyle Room), Judge Rogers, Catrin James und Studio Mothership (Sinema Foyer Wandmalerei), Huw Davies (Pfad der Raben)
- Bauherrschaft:
- Theatr Clwyd & Flintshire County Council
- Fläche:
- 10.000 m²
- Baukosten:
- 37.800.000 € Construction Cost
Sinnvoller wäre es zu prüfen, welcher Anteil der öffentlichen Haushallte damals in den 1970er Jahren und welcher Anteil heute für Kultur und Bildung ausgegeben wird. Wenn man den Zustand mancher Schulgebäude und die Anzahl fehlender Lehrer sieht, ist es gefühlt nur noch ein Bruchteil.
Andererseits werden für Einzelprojekte Unsummen für Renovierungen ausgegeben, z.B. 1 Milliarde für die Renovierung eines einzigen Opernhauses. Das schlägt natürlich ein in die Statistik, bringt aber zu wenig fürs ganze Land.
Eine vermutete Nebenwirkung bei Investitionen in Bildung: vielleicht braucht man dann weniger Sozialstaat.
Deutschland gab letztes Jahr mehr als 1,2 Billionen (1200 Milliarden) € für Soziales aus. Die Staatsquote (Anteil der Staatsausagebn am BIP) lag in 2025 bei über 50%. Und alleine die Ausgaben für das Bürgergeld lagen 2025 bei über 50 Mrd €, das ist mehr als das BIP von rund 60% aller Staaten.
Wie viel mehr "Sozialstaat" darf es denn sein?
Die Schule hatte ähnliche Vibes wie der ursprüngliche Theaterbau. Vielleicht auch von R.W. Harvey (finde auf die Schnelle aber keine Infos im Netz).
Den Umbau finde ich sehr gelungen.
Das Theater wurde erhalten und an die heutigen Bedürfnisse angepasst, die Innenräume scheinen tatsächlich eine hohe Aufenthaltsqualität zu haben (die vorher fehlte), und das viele Holz etc ist lobenswert.
Aber irgendwie vermisse ich von Aussen die alte Eingangsfassade. Die hatte einen deutlich unbeliebigeren Ausdruck als der neue Eingangsbau. Da wäre aus meiner Sicht mehr "Merkwürdigkeit" besser gewesen.