Skisport auf Speed
Unternehmenssitz in Kiefersfelden von Barozzi Veiga
Gegen eine solche Werbung für den Skisport können die olympischen Winterspiele nur alt aussehen. Kurz vor Kiefersfelden, an der Grenze von Deutschland zu Österreich, erheben sich aus dem Inntal zwei scharf geschnittene, weiße Gipfel. Wie ein überdimensionales Symbol kündet der Bau nach Plänen des in Barcelona ansässigen Büros Barozzi Veiga von der im Hintergrund gemächlich aufragenden Alpenlandschaft – und der passenden Ausrüstung, die es praktischerweise in seinem Inneren zu kaufen gibt.
Denn bei dem Projekt handelt es sich um den Hauptsitz von Dynafit, einem führenden Bergsportartikel-Hersteller, der für den weltweit ersten Skischuh mit Pin-Bindung bekannt ist. Zu der perfekten Inszenierung des Neubaus trägt freilich auch die Arbeit der Fotograf*innen bei. Ganz so entrückt malerisch wie auf den Bildern ist der reale Kontext aber nicht. Die geschickten Aufnahmen verbergen die Autobahn und das benachbarte Outlet-Center. Den vormaligen Standort in München gab das Unternehmen auf. Hier am Tor der Alpen fühle man sich nun wirklich zu Hause, sagt der Marketing-Chef stolz im Image-Film.
Monumental und gleichzeitig intim solle der Bau wirken, schreiben die Architekt*innen über ihren Entwurf, der auf einen Wettbewerbsgewinn von 2019 zurückgeht. Dynafit-Geschäftsführer Benedikt Böhm ist da direkter. Die sogenannte Speed Factory sei „zu 100 Prozent ein Markenerlebnis“. Neben Büros für Mitarbeitende finden Kund*innen hier auf rund 10.200 Quadratmetern alles, was das Bergsportherz begehrt: Flagship-Store, Bistro, Showrooms, Reparaturcenter. Man kann die Produktentwicklung live mitverfolgen und beispielsweise Laufanalysen oder die Herstellung eigener Skier in Anspruch nehmen.
In Stahl, Glas und Beton zeigt sich die dazu passende Corporate Architecture. Ob der Geometrie gibt es quasi keine Dachfläche, alles ist Fassade. Diese spiegele die Markenkerne Leichtigkeit, Effizienz und technologische Innovationsfreude wider, erklären Barozzi Veiga. Die perforierten Metallpaneele sind so ausgerichtet, dass sie an den schrägen Flächen im Sommer als Sonnenschutz dienen, während sie im Winter solare Wärmegewinne zulassen. Durch die „akkordeonartige“ Faltung des Konstrukts aus Stahlhohlprofilen erhöhe sich zudem die Steifigkeit der tragenden Fassade. Geplant wurde sie gemeinsam mit knippershelbig (Stuttgart u. a.).
Die räumlichen Qualitäten der Geometrie kommen vor allem am Schnittpunkt der zwei verschränkten Volumen zum Tragen. Hier öffnet sich ein sechsgeschossiges Atrium bis in die Spitze einer der beiden 32 Meter hohen Gebäudezacken. Angesichts der interessanten Durchblicke, Lichtspiele und Spiegelungen der hintereinanderliegenden Glasschichten lohnt da selbst ein Besuch für Menschen, die mit Skiern nur wenig anfangen können. (mh)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Barozzi Veiga
- Team Architektur:
- Yorgos Apostolopoulos, Andrea Bergamini, Paola Calcavecchia, Oskar Jobin, Kim-Lou Monnier, Alessandro Lussignoli, Rodrigo Martinez, Martin Meinecke, Miguel Pereira Vinagre, Toni Poch, Verena Recla, Andrei Sashko, Rob Scott, Nelly Vitiello (Wettbewerbsteam); Verena Recla; Andrea Bergamini, Paola Calcavecchia, Caterina Delaini, Marta Grządziel, Hannes Lukesch, Vasco Marcolin, Cristian Munteanu, Sofia Pozzoli, Maxime Soquet, Elvira Turek, Maria Ubach, Anina Weber
- Statik:
- Bergmeister Ingenieure
- Fassadenplanung:
- knippershelbig
- Landschaftsarchitektur:
- Henning Larsen
- Bauherrschaft:
- Dynafit, Mountain Experience Beteiligungs-Holding
- Fläche:
- 10.200 m² Bruttogrundfläche






