Getrennte Wege im Kanton Waadt
Wohnen und Gewerbe von Samir Alaoui Architectes
Dass auch Gewerbegebiete auf dem Land architektonischen Anspruch vertragen, zeigt auf erfrischende Weise das Projekt von Samir Alaoui Architectes (Lausanne). Für eine private Bauherrschaft entstand ein Mehrzweckbau, der Gewerbe und Wohnen kombiniert, ohne beide Nutzungen programmatisch zu verzahnen.
Die kleine Gemeinde Forel (Lavaux) liegt rund 13 Kilometer östlich von Lausanne. Der Bau befindet sich am Rand eines Gewerbegebiets, dessen Bebauungsplan pro Gebäude bis zu zwei Wohnungen zulässt und damit eine funktionale Durchmischung ausdrücklich vorsieht. Ursprünglich war eine enge Kopplung der Wohnungen an die Gewerbenutzungen vorgeschrieben, diese Vorgabe ist inzwischen jedoch nicht mehr zwingend.
Im Erdgeschoss liegen acht Gewerbeeinheiten, jeweils direkt von außen erschlossen. Jede Fläche ist über eine einläufige Treppe mit einem gleich großen Bereich im ersten Obergeschoss verbunden, ein Bad und eine kleine Teeküche ergänzen dort das Raumangebot. Die Architekt*innen verweisen auf die Flexibilität dieses Systems – Einheiten lassen sich bei Bedarf zusammenschalten.
Konsequent ist auch die Trennung der Erschließung: Um die gewerblichen Grundrisse nicht zu beeinträchtigen, werden die beiden Wohnungen im zweiten Obergeschoss über einen außenliegenden Aufzug sowie zusätzliche Treppen an den Stirnseiten erschlossen. Die beiden 5,5-Zimmer-Wohnungen sind spiegelsymmetrisch organisiert; je nach Zugang ergeben sich unterschiedliche Eingangssituationen – klassisch über einen Flur von Norden oder direkt über die Wohnküche von Süden. Rücksprünge und Knicke strukturieren die Dachterrassen und fassen unterschiedlich dimensionierte, teilweise begrünte Freibereiche.
Eine der Wohnungen wird von Auszubildenden einer Handwerksorganisation genutzt, die zugleich Mieterin der Gewerbeflächen ist, die zweite ist davon unabhängig und wird regulär auf dem Wohnungsmarkt vermietet.
Die Fassadengestaltung hält alles zusammen: Grünes Wellblech trifft auf rote Fenster- und Torrahmen, ergänzt durch großformatige Betonelemente. Das wirkt robust und kontrolliert, ohne ganz die Nähe zum Gewerbebau zu verlieren. Die außenliegenden Betontreppen treten deutlich hervor und behaupten sich als nahezu skulpturale Elemente. Konstruktiv folgt das Gebäude einer ebenfalls klaren Hierarchie. Die beiden unteren Geschosse sind in Stahlbeton ausgeführt, teils als Fertigteile, teils in Ortbeton, während das oberste Geschoss als vorgefertigte Holzrahmenkonstruktion aufgesetzt ist.
Für rund 1.630 Quadratmeter Bruttogrundfläche investierte die Bauherrschaft etwa 5,1 Millionen Schweizer Franken (rund 6 Millionen Euro). Beim Swiss Arc Award 2025 erhielt das Projekt den Publikumspreis. Diese Verbindung aus Pragmatismus und gestalterischem Anspruch stößt also auf Zustimmung. (gk)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Samir Alaoui Architectes
- Projektteam:
- Samir Alaoui, Basile Immer, Nicolas Sternheim, Manon Kivel, Aurora Oset
- Fläche:
- 1.600 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 6.000.000 €
- Auszeichnungen:
- Swiss Arc Award 2025 (Publikumspreis)





