Unikat am Südtiroler Weinhang
Wohnhauserweiterung von Walter Angonese und Flaim Prünster Architekten
In den Weinhängen südwestlich von Bozen entstand 1970 ein Einfamilienhaus, dessen Planung unter anderem Carlo Scarpa zugeschrieben wird. Entworfen hat er die Casa Tabarelli als Wohnhaus für die Unternehmerin Laura Tabarelli – damals Inhaberin eines erfolgreichen Innenausstatters in Bozen. Nachdem Tabarelli Gebäude und Weinhang 2012 an einen italienischen Unternehmer verkauft hatte, beauftragte dieser Flaim Prünster Architekten (Bozen) und Walter Angonese (Kaltern) mit der Erweiterung für seine private Kunstsammlung.
Die Autorenschaft der Casa Tabarelli lässt sich allerdings nicht eindeutig klären. Einige Aspekte sprechen für eine starke Beteiligung Scarpas am Entwurf – wie die Steinböden aus Pfunderer Serpentin, die er auch in anderen Projekten einsetzte. Außerdem zeugen archivierte Fotografien der Vermessung und Aussagen Laura Tabarellis von Scarpas wiederholter Anwesenheit auf der Baustelle. Auch die Bauzeichnungen mit Varianten der bewegten Dachlandschaft sollen deutlich dem Stile Scarpas entsprechen.
Gleichwohl war es Sergio Los, Schüler und langjähriger Mitarbeiter Carlo Scarpas, der den Entwurf nach der Fertigstellung für sich beanspruchte. Getragen wird seine These von zwei Indizien: So sei Scarpa zwar zu Beginn der Bauarbeiten vor Ort gewesen, doch hielt er sich zum Zeitpunkt der Fertigstellung bereits seit mehreren Jahren in den USA auf. Auch das Scarpa-Archiv in Trevisio führt keine Zeichnungen zur Casa Tabarelli, womit zumindest eine starke Beteiligung Scarpas angezweifelt werden kann. Handelt es sich am Ende vielleicht um ein Gemeinschaftsprojekt?
Wer auch immer die Originalpläne gezeichnet oder die Gespräche auf der Baustelle geführt hat: die Casa Tabarelli ist ein einzigartiges Haus. Mit der Dachlandschaft, deren Verschneidungen auch innen erfahrbar bleiben, finden sich Anleihen an die bewegte Topografie der Region. Zudem sollen die Pergolen der Weinhänge eine starke Inspiration für den Entwurf gewesen sein. Der Grundriss entfaltet sich hingegen als verspielte Version von Adolf Loos’ Raumplan – mit variierenden Raumtiefen, Split-Level und einem flüssigen Raumverbund. Kaum jedoch mit rechten Winkeln.
Umso rechtwinkliger kommt nun die Ergänzung von Flaim Prünster Architekten und Walter Angonese daher, die mit 460 Quadratmetern Grundfläche der Topografie des Weinhangs folgt. Mit dem Erweiterungsbau wollte man „eine neue Präsenz manifestieren, die dennoch in zweiter Reihe bleibt“, schreiben die Architekt*innen. Entsprechend nüchtern bleibt die Ausgestaltung der überirdischen Gebäudeteile, dominiert von Sichtbeton mit großformatigen Schalungsabdrücken und breiten Fenstern. Ein gemeinsam mit Landschaftsarchitekt João Nunes entworfener Innenhof bringt Licht in den ebenfalls betonsichtigen Innenraum. Über die Jahre soll der Bau durch Verwitterung und Vegetation mit der Topografie verschmelzen.
Großen Wert legten die Architekt*innen bei aller Abgrenzung zum Bestand auf eine Fortführung der Raumsequenzen. Ein skulpturales Eingangstor am unteren Ende des Hangs führt auf die sogenannte Stufenrampe: über 70 Meter erstreckt sich der Aufgang mit etlichen Zwischenpodesten, über den die auf drei Untergeschosse verteilten Räume der Erweiterung betreten werden können. Für die Ausstattung griffen die Architekt*innen neben verzinktem Stahl auf verschiedenfarbige Marmorplatten zurück, die beispielsweise im Aufenthaltsraum als collagenhafte Trennwand zusammengesetzt wurden. (tg)
- Fertigstellung Bestand:
- 1970
- Fertigstellung:
- 2021–2024
- Architektur Bestand:
- Carlo Scarpa, Sergio Los
- Architektur:
- Walter Angonese, Flaim Prünster Architekten
- Mitarbeit:
- Roberto Zanini, Martino Stelzer, Francesco Baggio, Jacopo Vantini
- Landschaftsarchitektur:
- João Nunes, PROAP Landscape Architecture
- Bauherrschaft:
- Josef Dalle Nogare
- Fläche:
- 460 m² Grundfläche
Auf einem benachbarten Weinberg stellten bergmeisterwolf kürzlich die Erweiterung für eine Weinkellerei fertig.