Ein Modus, drei Schulen
Zum IPA-Projekt von gmp in Bremerhaven
Ein Modus, drei Schulen
Zum IPA-Projekt von gmp in Bremerhaven
Schnellstmöglich drei Schulen auf einen Schlag realisieren. Mit dieser Aufgabe sah sich die Stadt Bremerhaven konfrontiert. Noch dazu in eng gestecktem Kostenrahmen. Einen Typenbau in dreifacher Kopie wollte man jedoch nicht. Die Lösung fand sich im IPA-Verfahren, einer in Deutschland noch selten angewendeten Planungsmethode, – und den damit entwickelten Entwürfen von gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner.
Integrierte Projektabwicklung, so der ausbuchstabierte und etwas abschreckende Name der verhältnismäßig jungen Planungsmethode IPA. In den USA, Kanada, Australien und Finnland (im englischsprachigen Raum IPD) wird sie seit etwa zwanzig Jahren angewendet, in Deutschland kam sie vor zehn Jahren an. Die Hamburger Architekt*innen von gmp gehören hierzulande zu den Pionieren. Gedacht ist sie für komplexe Bauaufgaben, so Dominika Gnatowicz von gmp. Hohes Risiko, hoher Zeitdruck, viele Stakeholder, große Öffentlichkeit, viel Bestand – das seien beispielweise Parameter, die ein Projekt für IPA prädestinieren. In Bremerhaven war es die parallele Planung von drei öffentlichen Schulen.
Im Prinzip eignet sich IPA immer dann, wenn es viel Frontloading braucht, sagt Gnatowicz. Frontloading? Der Begriff ist in der Welt der Ernährungsratgeber und Fitnesscoaches geläufig, die einem raten, früh am Tag das Gros der Kalorien zu sich zu nehmen. Vorne viel reinstecken, um es hinten raus nicht mehr zu müssen. Gewissermaßen ist das auch als Kern von IPA-Prozessen zu verstehen. Nur dass es keine Kohlenhydrate sind, sondern möglichst viele, vor allem finanzielle Entscheidungen am Anfang eines Projektes, um bis zum Ende Kostensicherheit zu gewährleisten. Dafür lohne sich der hohe organisatorische und personelle Aufwand in sehr frühen Phasen, den IPA mit sich bringt.
Alles aus einer großen Hand
Die Bauherrschaft beauftragt also gleich zu Beginn sämtliche Planenden und Ausführenden, die am Bau beteiligt sein werden. Diese bilden über den gesamten Prozess hinweg eine Art Generalunternehmer auf Zeit. Denn der große Unterschied zu gewöhnlichen Projektkonstellationen: Statt bilateraler Verträge zwischen einzelnen Beteiligten wird ein gemeinsamer Mehrparteienvertrag geschlossen. Die Wege dorthin sind unterschiedlich, erklärt Gnatowicz.
Öffentliche Vorhaben kann die Bauherrschaft etwa durch ein VgV-Verfahren mit oder ohne vorgeschalteten Wettbewerb ausschreiben. Dabei kann sie alle Partner*innen separat auswählen oder diese treten als Gesamtteam an. In Bremerhaven gab es ein klassisches VgV-Verfahren. Mit dem Unterschied, dass nicht nur Referenzen und Kosten geprüft wurden, sondern auch, ob sich ein Unternehmen für IPA eignet. Dabei geht es um typische Softskills, etwa Kommunikation oder Lösungsorientierung, aber auch Kenntnisse in BIM und LEAN.
In Bremerhaven hat man laut gmp seit 50 Jahren keine öffentliche Schule mehr gebaut. Die Zahl der Schüler*innen aber ist gestiegen, die Bestandsbauten sind sanierungsbedürftig. Auch wenn beides nicht von heute auf morgen eingetreten sein dürfte, musste die Stadt 2022 akut reagieren. Drei neue Schulen einzeln auszuschreiben, überstieg Kapazitäten und Kassen. Daher initiierte die Städtische Grundstücksgesellschaft STÄWOG zusammen mit der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung BIS den IPA-Prozess. Dieser erlaubte, dass alle drei Projekte gewissermaßen aus einer Hand stammen – eine ziemlich große Hand mit vielen Fingern, wenn man so will.
Im Prinzip eignet sich IPA immer dann, wenn es viel Frontloading braucht, sagt Gnatowicz. Frontloading? Der Begriff ist in der Welt der Ernährungsratgeber und Fitnesscoaches geläufig, die einem raten, früh am Tag das Gros der Kalorien zu sich zu nehmen. Vorne viel reinstecken, um es hinten raus nicht mehr zu müssen. Gewissermaßen ist das auch als Kern von IPA-Prozessen zu verstehen. Nur dass es keine Kohlenhydrate sind, sondern möglichst viele, vor allem finanzielle Entscheidungen am Anfang eines Projektes, um bis zum Ende Kostensicherheit zu gewährleisten. Dafür lohne sich der hohe organisatorische und personelle Aufwand in sehr frühen Phasen, den IPA mit sich bringt.
Alles aus einer großen Hand
Die Bauherrschaft beauftragt also gleich zu Beginn sämtliche Planenden und Ausführenden, die am Bau beteiligt sein werden. Diese bilden über den gesamten Prozess hinweg eine Art Generalunternehmer auf Zeit. Denn der große Unterschied zu gewöhnlichen Projektkonstellationen: Statt bilateraler Verträge zwischen einzelnen Beteiligten wird ein gemeinsamer Mehrparteienvertrag geschlossen. Die Wege dorthin sind unterschiedlich, erklärt Gnatowicz.
Öffentliche Vorhaben kann die Bauherrschaft etwa durch ein VgV-Verfahren mit oder ohne vorgeschalteten Wettbewerb ausschreiben. Dabei kann sie alle Partner*innen separat auswählen oder diese treten als Gesamtteam an. In Bremerhaven gab es ein klassisches VgV-Verfahren. Mit dem Unterschied, dass nicht nur Referenzen und Kosten geprüft wurden, sondern auch, ob sich ein Unternehmen für IPA eignet. Dabei geht es um typische Softskills, etwa Kommunikation oder Lösungsorientierung, aber auch Kenntnisse in BIM und LEAN.
In Bremerhaven hat man laut gmp seit 50 Jahren keine öffentliche Schule mehr gebaut. Die Zahl der Schüler*innen aber ist gestiegen, die Bestandsbauten sind sanierungsbedürftig. Auch wenn beides nicht von heute auf morgen eingetreten sein dürfte, musste die Stadt 2022 akut reagieren. Drei neue Schulen einzeln auszuschreiben, überstieg Kapazitäten und Kassen. Daher initiierte die Städtische Grundstücksgesellschaft STÄWOG zusammen mit der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung BIS den IPA-Prozess. Dieser erlaubte, dass alle drei Projekte gewissermaßen aus einer Hand stammen – eine ziemlich große Hand mit vielen Fingern, wenn man so will.
Erstes IPA-Hochbauprojekt der öffentlichen Hand
Die drei Schulen sind die ersten Hochbauten der öffentlichen Hand mit dem IPA-Modell in Deutschland. Bislang fand es eher bei Infrastrukturprojekten mit teils weit über 100 Millionen Euro Anwendung, häufig Vorhaben der Deutschen Bahn. Für nur eine Schule hätte sich der logistische Aufwand eines IPA-Projekts nicht gelohnt, so Gnatowicz. Drei Schulneubauten sind aber eine größere Hausnummer. So groß, dass sich die Architektenkammer einschaltete. Ein Wettbewerb sei nötig. Nur war der IPA-Vertrag da schon unterzeichnet.
Man fand eine pragmatische Lösung: ein interner Wettbewerb. Die Allianz um gmp erarbeitete für jedes der drei Grundstücke mehrere Entwürfe. Eine externe Jury bewertete sie. Teil dieser waren unter anderem die späteren Nutzer*innen und die Stadt. Den Vorsitz bekleidete Barbara Pampe von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Alle drei Schulen basieren grundsätzlich auf Clustermodellen, aber in unterschiedlichen Ausprägungen.
Das Schulzentrum Hamburger Straße arbeitet mit Jahrgangsclustern, die Neue Grundschule Lehe mit jahrgangsübergreifenden Clustern. Die progressivste Variante verfolge die Neue Oberschule Lehe, in der es sehr große, flexible Lernräume gibt. Die oberen Klassen clustern sich hier nach Themen. Dass diese drei Schulen verwandt sind, lassen ihre Farben und Materialien erahnen – aber eher im Sinne einer gestalterischen Leitlinie. „Wir wollten jedem Gebäude eine eigenständige Identität geben“, so Gnatowicz. Trotzdem seien Materialaufbauten und technische Konzepte weitestgehend gleich.
Die drei Schulen sind die ersten Hochbauten der öffentlichen Hand mit dem IPA-Modell in Deutschland. Bislang fand es eher bei Infrastrukturprojekten mit teils weit über 100 Millionen Euro Anwendung, häufig Vorhaben der Deutschen Bahn. Für nur eine Schule hätte sich der logistische Aufwand eines IPA-Projekts nicht gelohnt, so Gnatowicz. Drei Schulneubauten sind aber eine größere Hausnummer. So groß, dass sich die Architektenkammer einschaltete. Ein Wettbewerb sei nötig. Nur war der IPA-Vertrag da schon unterzeichnet.
Man fand eine pragmatische Lösung: ein interner Wettbewerb. Die Allianz um gmp erarbeitete für jedes der drei Grundstücke mehrere Entwürfe. Eine externe Jury bewertete sie. Teil dieser waren unter anderem die späteren Nutzer*innen und die Stadt. Den Vorsitz bekleidete Barbara Pampe von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Alle drei Schulen basieren grundsätzlich auf Clustermodellen, aber in unterschiedlichen Ausprägungen.
Das Schulzentrum Hamburger Straße arbeitet mit Jahrgangsclustern, die Neue Grundschule Lehe mit jahrgangsübergreifenden Clustern. Die progressivste Variante verfolge die Neue Oberschule Lehe, in der es sehr große, flexible Lernräume gibt. Die oberen Klassen clustern sich hier nach Themen. Dass diese drei Schulen verwandt sind, lassen ihre Farben und Materialien erahnen – aber eher im Sinne einer gestalterischen Leitlinie. „Wir wollten jedem Gebäude eine eigenständige Identität geben“, so Gnatowicz. Trotzdem seien Materialaufbauten und technische Konzepte weitestgehend gleich.
Kosten- und Terminsicherheit als zentrales Versprechen
Im Sommer 2025 nahmen das Schulzentrum Hamburger Straße und die Neue Oberschule Lehe ihren Betrieb auf. Die Neue Grundschule Lehe folgte im Herbst. Kosten und Termine einzuhalten ist ein zentrales IPA-Versprechen. Beim Projekt Allianz 3 Schulen ist es aufgegangen: gut drei Jahre Bauzeit für drei Schulbauten und zwei Sporthallen für rund 1.750 Kinder, Terminplan eingehalten, Gesamtkosten von 190 Millionen Euro ebenfalls. Essenziell ist dafür laut Gnatowicz das Open-Book-Modell. Alle Vertragspartner*innen tragen gemeinsam die Risiken. Übersteigen die Kosten die definierten Ziele – warum auch immer – geht das ans Geld aller. Die Vergütung basiert auf tatsächlichen Kosten und Bonus-Malus-Regelung. „Das führt zu einer bewussten Auseinandersetzung mit den finanziellen Folgen von Entwurfsentscheidungen“, sagt Gnatowicz. Kostenexplosionen wie bei bekannten Extrembeispielen, etwa der Elbphilharmonie, würden IPAs verhindern.
Doch schließen sie andersherum kleine und junge Büros aus? Diese Kritik hört Gnatowicz, die mit gmp Teil des bundesweiten IPA-Zentrums ist, oft. Die Architektin entgegnet: „Bauaufgaben derartiger Größe und Komplexität würden ohnehin nicht allein an junge Büros vergeben.“ Und grundsätzlich könnten auch diese Teil einer IPA-Allianz werden, solange sie sich im Kompetenzwettbewerb im Rahmen des IPA-Auswahlverfahrens behaupten.
Das IPA-Zentrum versteht sich als Netzwerk, das die Planungsmethode fördern will. Dafür erarbeitet es beispielsweise Werkzeuge, Leitfäden und Schulungen. Gegründet hat es sich 2016. Inzwischen zählen rund 100 Unternehmen zu seinen Trägern, darunter Drees & Sommer, Züblin, Hochtief und Büros wie Arup, Sweco oder gmp. Im Beirat befinden sich neben dem Bundesbauministerium, mehrere Universitäten und Fachverbände wie die Bundesarchitektenkammer BAK und der Zentrale Immobilienausschuss ZIA.
Im Sommer 2025 nahmen das Schulzentrum Hamburger Straße und die Neue Oberschule Lehe ihren Betrieb auf. Die Neue Grundschule Lehe folgte im Herbst. Kosten und Termine einzuhalten ist ein zentrales IPA-Versprechen. Beim Projekt Allianz 3 Schulen ist es aufgegangen: gut drei Jahre Bauzeit für drei Schulbauten und zwei Sporthallen für rund 1.750 Kinder, Terminplan eingehalten, Gesamtkosten von 190 Millionen Euro ebenfalls. Essenziell ist dafür laut Gnatowicz das Open-Book-Modell. Alle Vertragspartner*innen tragen gemeinsam die Risiken. Übersteigen die Kosten die definierten Ziele – warum auch immer – geht das ans Geld aller. Die Vergütung basiert auf tatsächlichen Kosten und Bonus-Malus-Regelung. „Das führt zu einer bewussten Auseinandersetzung mit den finanziellen Folgen von Entwurfsentscheidungen“, sagt Gnatowicz. Kostenexplosionen wie bei bekannten Extrembeispielen, etwa der Elbphilharmonie, würden IPAs verhindern.
Doch schließen sie andersherum kleine und junge Büros aus? Diese Kritik hört Gnatowicz, die mit gmp Teil des bundesweiten IPA-Zentrums ist, oft. Die Architektin entgegnet: „Bauaufgaben derartiger Größe und Komplexität würden ohnehin nicht allein an junge Büros vergeben.“ Und grundsätzlich könnten auch diese Teil einer IPA-Allianz werden, solange sie sich im Kompetenzwettbewerb im Rahmen des IPA-Auswahlverfahrens behaupten.
Das IPA-Zentrum versteht sich als Netzwerk, das die Planungsmethode fördern will. Dafür erarbeitet es beispielsweise Werkzeuge, Leitfäden und Schulungen. Gegründet hat es sich 2016. Inzwischen zählen rund 100 Unternehmen zu seinen Trägern, darunter Drees & Sommer, Züblin, Hochtief und Büros wie Arup, Sweco oder gmp. Im Beirat befinden sich neben dem Bundesbauministerium, mehrere Universitäten und Fachverbände wie die Bundesarchitektenkammer BAK und der Zentrale Immobilienausschuss ZIA.
Bautafel
- Fertigstellung:
- 2025
- IPA-Allianz:
- 3 Schulen Bremerhaven
- Architektur:
- Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp)
- Landschaftsarchitektur:
- WES LandschaftsArchitektur
- Tragwerksplanung:
- WTM Engineers
- TGA:
- Pfeil & Koch Ingenieurgesellschaft
- Ausführung erweiterter Rohbau:
- AUG. Prien Bauunternehmung
- Ausführung Ausbau und TGA:
- Lindner SE
- Bauherrschaft:
- STÄWOG-Gruppe - Städtische Grundstücksgesellschaft Bremerhaven in Zusammenarbeit mit der BIS Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung
- Baukosten:
- 190.000.000 € Gesamtkosten
Zum Thema
Andere Projekte, die das IPA-Zentrum als IPA-Vorhaben aufführt, sind etwa das Ausweichquartier für das Bundespräsidialamt in Berlin von sauerbruch hutton und Drees & Sommer sowie Planungen in der Siemensstadt von E2A und Robertneun.
Schulen, Schulen, Schulen
Mehr Kommentieren





Man fragt sich jedenfalls zunehmend, wozu noch Architektenkammern benötigt werden? Ansonsten müsste "Generalunternehmer" gegendert werden.