Tatort Fassade
Über einen Krimi und seine Botschaft
Vorgestern, Sonntagabend, 20.15 Uhr. 8,62 Millionen Zuschauer*innen sitzen in Deutschland vor den Bildschirmen. Der Tatort „Fackel“ kommt diesmal aus Frankfurt am Main. Es geht um die Aufklärung eines Hochhausbrandes mit 13 Toten. Die Kommissar*innen Maryam Azadi und Hamza Kulina ermitteln, inwiefern der Hersteller des Fassadenmaterials Polystyrol verantwortlich ist, ob Prüfberichte verschwunden sind und warum der verantwortliche Prüfer nicht mehr lebt.
Der Fall erinnert an die Brandkatastrophe des Grenfell Tower 2017 in London, bei dem 72 Menschen ums Leben kamen. Wie im Film brannte dort ein zuvor saniertes Hochhaus mit Sozialwohnungen. Darauf bezieht sich auch die Presseerklärung des bereits im Vorfeld der Tatort-Ausstrahlung alarmierten Industrieverbands Hartschaum (IVH). Sie wirft dem Tatort „Mythenbildung“ und ein „baufachliches Zerrbild“ vor. Die fatale Brandgeschwindigkeit in London sei durch „fälschlicherweise an der Fassade eingebaute, brennbare Aluminium-Verbundplatten mit Polyethylenkern begünstigt“ worden – und nicht durch Polystyrol, wie es im Tatort mehrfach benannt wird. Konstruktionsmängel, unzureichender Brandschutz sowie systemisches Versagen bei Planung, Regulierung und Kontrolle hätten dazu geführt, dass sich das Feuer über die Fassade und im Gebäude ausbreiten konnte, ergänzt der Industrieverband Hartschaum.
Nicht nur die Dämmstoffindustrie fürchtet nun um ihren Ruf. Lebt es sich gefährlich im Hochhaus? Führt die Klimaschutzverordnung gar zu kostengünstigen, aber gefährlichen Lösungen im Sozialwohnungsbau? Verständlich, dass auch das Deutsche Institut für vorbeugenden Brandschutz (DIvB) versucht, zu beruhigen. Es sei gut und richtig, dass der Tatort das Thema Brandschutz einer breiten Öffentlichkeit näherbringt. Gleichzeit wolle man deutlich machen, dass für Hochhäuser in Deutschland strenge rechtliche und technische Vorgaben gelten. Wesentliche Bauteile müssten aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen, heißt es in einer Erklärung, die sie gemeinsam mit der Wohnungsbaugesellschaft der ABG Frankfurt Holding herausgab. Die Muster-Hochhaus-Richtlinie sorge dafür, dass gerade für diese anspruchsvollen Gebäudearten hohe Sicherheitsstandards gelten, vom baulichen Rettungsweg über Sicherheitstreppenräume bis hin zu Brandmelde-, Alarmierungs- und Löschanlagen.
Dass Tatort-Drehbücher aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgreifen, ist üblich. Dass die Bösewichter in Krimis mit einer bestimmten Branche im Zusammenhang stehen, liegt in der Natur der Sache, wenn man Filme nah am Leben erzählen will. Diesmal haben die Drehbuchautoren Sebastian Heeg und Tom Schilling ein besonders komplexes Thema bearbeitet.
Überall im Land werden Häuser saniert, Fassaden den Klimaschutzbestimmungen angepasst. Die Republik diskutiert über steigende Heizkosten und Wärmedämmverbundsysteme, die man schlecht entsorgen kann, über Sozialwohnungen, die aus der Bindung fallen, und Konzerne, die Wohnen als Ware begreifen. Laut Regisseur Rick Ostermann lehne sich der Film lose an reale Ereignisse an, es gehe dabei vor allem um die emotionalen und gesellschaftlichen Dimensionen solcher Katastrophen – um Verantwortung, Versäumnisse, Verdrängung und die Folgen für die Betroffenen.
Gut, dass all dies zur Prime Time in den deutschen Wohnzimmern landet – und Häuslebauer, Mieter, Politik und Unternehmen für Zusammenhänge sensibilisiert, die nur allzu oft im Maschinenraum der politischen Prioritäten verschwinden, weil sie wenig kompatibel sind mit der kurzatmigen Aufmerksamkeitsökonomie. (fm)
Der eigentliche Tatort war wohl die Schreibstube der Drehbuchverfasser, in der zeitgeistkonform sauber zwischen "Gut" und "Böse" getrennt wurde um niemanden zu überfordern. Auch wenn es technisch nicht ganz fundiert zuging, versprühte der Umstand, dass einige Minuten lang serbisch mit deutschen Untertiteln gesprochen wurde Frankfurter Lokalkolorit. Sehr gut war die schauspielerische Leistung von Melika Foroutan und Edin Hasanović. Ärgerlich ist trotzdem, dass Rundfunkgebühren für solche Produktionen bei Strafandrohung "erhoben" werden.