Buchtipp: Gönn dir Böhm
Maria Königin des Friedens, Neviges
Für dieses Buch sollten Sie erst einmal Platz schaffen, denn es handelt sich sicher nicht um leichte Bettlektüre. Mit 23 auf 33 Zentimetern und 3,5 Zentimetern Dicke bringt es der Wälzer bei 384 Seiten auf stolze 1,85 Kilogramm. Besser, Sie legen ihn auf den Schreibtisch. Und die Zahlen wirken noch etwas beeindruckender, wenn man bedenkt, dass es hier nur um ein einziges Gebäude geht – aber was für eins!
Es gibt weltweit nicht sehr viele Häuser, die einen solchen Buchkoloss rechtfertigen würden. Aber der Wallfahrtsdom Maria, Königin des Friedens, der nach Entwürfen von Gottfried Böhm zwischen 1964 und 1968 im beschaulichen Neviges in Nordrhein-Westfalen entstand, ist zweifellos ein solches. Und Autor Steffen Kunkel ist dem Gebäude verfallen – das darf man wohl sagen – denn er ist nicht nur über Jahrzehnte hinweg immer wieder dorthin zurückgekehrt, sondern hat auch kilometerweise Archivalien und Informationen zusammengetragen. Alles – wirklich alles! – was Sie schon immer über den Wallfahrtsdom wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten – es findet sich garantiert in diesem Buch.
Kunkel ist, wenn er nicht gerade in Neviges um den Dom schleicht, eigentlich Professor für Architekturtheorie und Gebäudelehre an der Hochschule in Mainz. Dennoch ist das Buch kein Lehrbuch oder wenn, dann eins von einer neuen, erfrischenden Art. Denn eine fast unendliche Tiefe an Detailwissen wird hier mit der Lust am Erzählen und an der gelungenen Architekturfotografie kombiniert, sodass sich das Lesen trotz des Umfangs nur sehr selten (zu) schwer oder langatmig anfühlt.
Es ist eher so, dass uns Kunkel zu einem gemeinsamen, leichten Spazierengang einlädt, der dann, der vielen interessierten Nachfragen wegen, immer länger und schließlich zum ausführlichen Gespräch wird. Die ersten Seiten des Buchs sind ein heiterer, fotografischer Rundgang um den Dom, den Kunkel uns zuerst einmal ganz kommentarlos zu allen Jahreszeiten und aus allen Richtungen zeigt. Gut zu sehen ist, wie sich das Betonzelt der Dachform ganz langsam und überraschend harmonisch aus der zackigen Dachlandschaft des Dorfes in die Höhe schiebt. Wie es von der Elberfelder Straße, vom Klostergarten oder vom Parkplatz aus eigentlich nie seine Umgebung dominiert, sondern mit ihr zusammen etwas Höheres entwickelt.
Satte 28 Seiten nimmt sich dieser Fotoessay, der ausschließlich aus Kunkels eigenen Aufnahmen besteht. Erst dann beginnt der Text mit einem sehr persönlichen Zugang: Wie Kunkel selbst, noch zu Studienzeiten, erstmals auf das Gebäude stieß, und wie sein erster Besuch dort verlief. Danach holt er aus, beschreibt Gottfried Böhms Familienbiografie, die liturgische Neuausrichtung der Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg und die Geschichte der Wallfahrt zu Neviges, bevor er zur Konstruktion des Baldachins übergeht. So ensteht ein langsamer Strudel, der uns immer beharrlicher ins Zentrum zieht: zum Neubau des Wallfahrtsdomes.
Kunkel beleuchtet ausführlich den ersten als auch den zweiten Wettbewerb und zeigt, wie sich Böhms Entwurf in Modell, Grundriss und Schnitt verändert. Das Buch gönnt sich und uns den Platz, die herrlichen Zeichnungen oft ganzseitig auszubreiten. Dazwischen sind üppige Fotostrecken eingestreut. Unmerklich versinkt man in einer nahezu sakralen Stimmung und Andacht, und liest und lernt viel mehr über dieses Gebäude und seinen Kontext, als man ursprünglich vorhatte.
Nur gelegentlich überkommt einen das Gefühl, das Kunkel vielleicht doch übertreibt mit einer allzu großen und detailgenauen Liebe zum Projekt. Etwa, wenn über fünf Seiten Böhms handschriftliche Berechnungen der Dachflächen oder über sechs Seiten die Zeichnungen und Maßblätter zu den Dachinnenflächen ausgebreitet werden. Da steht der Erkenntnisgewinn doch in einem recht geringen Verhältnis zur Zahl der Seiten. Ähnliches gilt für die akribische Nacherzählung, wie das Dach konstruiert wurde, die sich über fast 40 Seiten zieht – inklusive Dutzender Zeichnungen von Flächenabwicklungen, Bewehrungsplänen und Schalungsbildern.
Dafür folgt aber auf jede etwas langatmige Passage wieder ein Stück mit begeisternden Materialfunden, zum Beispiel die Fotos von der Baustelle, Aufnahmen von Gläubigen und Gottesdiensten aus den 1970er-Jahren und immer wieder Kunkels eigene, wunderbar genaue Detailaufnahmen von Stufen, Geländern, Fensterlaibungen oder Oberflächenbeschaffenheiten. Da wird die Hingabe an jedes Detail wieder zum Gewinn für Buch und Lesende.
So kann man sich insgesamt einfach nur anstecken und mitreißen lassen von Kunkels Begeisterung für dieses außergewöhnliche Gebäude. In der Mischung aus persönlicher Reisereportage, wissenschaftlicher Dokumentation und kontextualisierender Erzählung ist Kunkel ein hervorragendes Buch gelungen. Ich hoffe, Sie haben dafür Platz auf Ihrem Schreibtisch.
Text: Florian Heilmeyer
Gottfried Böhm, Maria Königin des Friedens, Neviges
Steffen Kunkel (Hg.)
Gestaltung: Markus Dreßen
384 Seiten
Spector Books, Leipzig 2026
ISBN 978-3-95905-7356
42 Euro
Das Buch ist auch auf Englisch erschienen.
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