Am doppelten Zeichentisch
Zum Tod von Esther und Rudolf Guyer
Von Martin Tschanz
Ursprünglich wollte der am 1929 geborene Rudolf Guyer Maler werden. Dass er während des Architekturstudiums an der ETH Zürich die zwei Jahre jüngere Kommilitonin Esther Andres kennenlernte, dürfte die Entscheidung erleichtert haben, sich der Architektur zuzuwenden. Nach kurzer Berufszeit in Zürich eröffnete sich die Möglichkeit, an der Ohio State University zu unterrichten. Die Heirat sei Voraussetzung für die gemeinsame Einreise in die USA gewesen, berichteten die beiden später schmunzelnd.
1959 kamen sie als junge Familie zurück nach Europa, um ein Reisestipendium wahrzunehmen. Aus dem kurzen Trip wurde eine dauerhafte Rückkehr, obwohl eine Stelle an der Yale University in Aussicht stand. Denn gemeinsam mit dem Studienfreund Manuel Pauli hatten die Guyers den Wettbewerb für die Kaserne Bremgarten gewonnen. Es folgten die Gründung des Architekturbüros Rudolf und Esther Guyer – und rasch eine Reihe weiterer Wettbewerbserfolge.
Die frühen Bauten der Guyers gehören zu den Schlüsselwerken des Betonbrutalismus in der Schweiz. Sie zeigen bereits die für das Büro charakteristische Offenheit, unterschiedlichste Einflüsse aufzunehmen und zu verarbeiten: das Nashornhaus im Zürcher Zoo (1965) mit seinem expressiven Schalendach, das Triemli-Hochhaus (1966) mit seiner skulpturalen Form und raffinierten Wohnungen, das Schulhaus Stettbach (1967) als ebenso offensichtliche wie eigenwillige Auseinandersetzung mit Le Corbusiers La Tourette, die Kaserne Bremgarten (1968) und das Gewerbeschulhaus in Zürich (1973) mit seinen vorfabrizierten, plastisch durchformten Strukturen.
Die Konfrontation mit dem Kontext historischer Bauten, aber auch die verbreitete Betonfeindlichkeit des Publikums führten bald zu einer Anpassung der Architektursprache. Beim Seminar Kreuzlingen (1972) und der Kirche Glaubten (1972) wurde der Beton eingefärbt und mit dem Spitzhammer bearbeitet, sodass er erdig und schwer wirkt. Später traten Backstein, Holz oder auch verputztes Mauerwerk an seine Stelle. Zunehmend wurden die Dächer ein prägendes Gestaltungsmittel.
Das leider zerstörte Ausbildungszentrum Wolfsberg in Ermatingen (1975) war ein Musterbeispiel für eine Kaderschmiede in ländlicher Umgebung. In der klosterartigen und gleichermaßen heiteren Anlage, die ein historisches Schlösschen ergänzte, wurden Räume für konzentriertes Arbeiten, Sport, Kultur und Geselligkeit eng miteinander verknüpft, sodass der Grundsatz einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung zu einer eigenen architektonischen Form fand.
Später wurden die Ergänzungs- und Umbauten in der Kartause Ittingen (1982) zu einem Modellfall für das Weiterbauen an einem Baudenkmal. In den Backsteinbauten für Ernst Basler Partner (1986) und dem Stadthaus Dietikon (1992) mit ihren vielfältigen Referenzen zeigt sich der Einfluss der Postmoderne. In den 1990er Jahren griffen die beiden sogar den damals verbreiteten Hang zur neomodernen Reduktion auf.
So steuerten Esther und Rudolf Guyer zu allen wesentlichen Strömungen der Schweizer Architektur ihrer Zeit exemplarische und oft wegweisende Bauten bei. Die Vielfalt ihres umfangreichen Werks beweist eine eindrückliche gestalterische Virtuosität, vor allem aber eine enorme Neugierde und Offenheit, die sich nicht durch die Festlegung auf eine bestimmte Ideologie oder Sprachlichkeit einschränken ließ. Dieselbe unvoreingenommene Zugewandtheit zur Welt zeigt sich in den schier unzähligen Zeichnungen, in denen Rudolf Guyer jeweils seine Reiseeindrücke festhielt.
Mag sein, dass gerade diese Offenheit der nachfolgenden Generation suspekt war. Vielleicht war es aber auch bloß der übliche Abgrenzungsprozess, der dazu führte, dass die so erfolgreichen Rossi-Schüler*innen die Leistungen ihrer Vorgänger weitgehend ignorierten, ja verleugneten. In jüngster Zeit durften sich die Guyers aber darüber freuen, dass ihre Werke neue Beachtung finden. Zahlreiche ihrer Bauten stehen inzwischen unter Schutz.
1998 verließen Esther und Rudolf Guyer ihr Architekturbüro, knapp zehn Jahre, nachdem ihr Sohn Mike zusammen mit Annette Gigon ein eigenes Büro eröffnet hatte. Dass sie dies gemeinsam taten, scheint selbstverständlich, führten sie doch eine Partnerschaft, die geradezu symbiotisch wirkte. Die Erzählungen vom Arbeiten am doppelten Zeichentisch sind glaubwürdig: Sich gegenübersitzend, seien die Blätter jeweils vom einen zum anderen gewandert, sobald im Entwurf eine Sackgasse drohte. In Jurys und Kommissionen saß – der damaligen Zeit entsprechend – zwar meistens der Mann, die Gleichwertigkeit der Partnerschaft stand jedoch nie infrage.
Am 20. März 2026 machten Esther und Rudolf Guyer auch ihren letzten Schritt gemeinsam und selbstbestimmt.
Zusammen mit Andri Gerber hat Martin Tschanz vor drei Jahren das Buch Sprengkraft Raum. Architektur um 1970 von Pierre Zoelly, Rudolf & Esther Guyer, Manuel Pauli und Fritz Schwarz herausgegeben, das wir als Buchtipp in den BauNetz Meldungen besprochen haben. Mit Mike Guyer und Trix Wetter publizierte Tschanz 2024 im Verlag Scheidegger & Spiess das Buch Mit dem Stift die Welt erfassen. Zeichnungen von Rudolf Guyer.




